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Stromtarife nach Leistung strafen sparsames Verhalten

08.06.2016

Die Strombranche diskutiert eine Änderung der Berechnung des Strompreises für Privatkunden. Neu sollen die Netzkosten aufgrund von Leistung abgerechnet werden können. Eine Untersuchung von VESE und myNewEnergy mit Pilottarifen von Repower zeigt, dass dies Geringverbraucher und Haushalte mit Elektroautos, Wärmepumpen und Solaranlagen überproportional belasten würde.

Zürich 08.06.2016 Der Bund plant im Rahmen der Revision des Stromversorgungsgesetzes eine Änderung der Berechnungsgrundlage der Strompreise für private Haushalte. Neu sollen die Netzkosten auch aufgrund der bezogenen Leistung berechnet werden dürfen. Der Stromvergleichsdienst myNewEnergy und der Verband unabhängiger Energieerzeuger (VESE) haben die geplanten Änderungen anhand von konkreten Nutzungsbeispielen untersucht und herausgefunden, dass besonders sparsame Verbraucher und kleine Haushalte, sowie Nutzer von Elektromobilität, Solaranlagen und Wärmepumpen benachteiligt werden würden.

Erste Werke führen Leistungstarife ein

Erste Werke, z.B. CKW, WWZ, IBW haben Anfang 2016 bereits Leistungstarife eingeführt, aufgrund der aktuellen gesetzlichen Lage allerdings nur für Besitzer von Solaranlagen mit Eigenverbrauch. Diese zahlen dann meist deutlich mehr als vorher. Übertragen auf alle Privatkunden würde dies bedeuten, dass alle sich plötzlich damit beschäftigen müssten wie hoch die Leistungsspitzen ihrer Geräte sind, wann diese eingeschaltet werden und wie viele andere Geräte gleichzeitig laufen - denn da die Leistung der laufenden Geräte sich addiert, hängen davon dann die Stromkosten ab.

Paradoxe Situation: Neue, eigene Dienstleistungen werden torpediert

Die Branche ist sich einig: Service-Dienstleistungen und dezentrale Energieversorgung sind ein Megatrend. Viele Stromversorger (EVU) wollen ihre Kunden bei Bau und Betrieb von Heizungen, Solaranlagen und Ladestationen unterstützen. Während also die eine Abteilung damit ein neues Geschäftsfeld aufbaut, führt die andere Abteilung abschreckende Tarife ein. Besonders ärgerlich ist das für Kunden, die aufgrund des bisherigen Tarifmodells ihre Kosten geplant haben und für die Mitarbeiter der Energieversorger, die sie dabei beraten haben.

Repower Pilotprojekt untersucht

Repower testet derzeit mit einigen Privatkunden vollständige Leistungstarife. VESE und myNewEnergy haben die Preise und Tarifmodelle untersucht und das Prinzip auf andere Werke übertragen. Die Auswirkungen sind von der bestehenden Grundgebühr abhängig. Je tiefer die Grundgebühr heute, desto extremer sind die Effekte des neuen Tarifs. Wir haben für acht EVU mit unterschiedlichen Grundgebühren und verschiedenen Nutzungsprofilen die Kosten vor und nach der Tarifumstellung untersucht. Es zeigt sich, dass bei einer heutigen tiefen Grundgebühr sparsame Haushalte rund 18-28% mehr zahlen müssten, während Normal- und Vielverbraucher sparen (siehe Grafik oben). Besonders trifft es aber die Besitzer von Wärmepumpen und Elektroautos. Diese müssten, unabhängig von der heutigen Grundgebühr, bei gleichem Verhalten bis zu doppelt so hohe Rechnungen zahlen.

Repower erklärte auf Nachfrage, dass die rund 30 Testkunden sehr zufrieden seien, da die meisten weniger zahlen. Das bestätigt unsere Untersuchung. Repower hat eine sehr hohe Grundgebühr und damit fällt der Effekt für “normale Kunden klein bis negativ aus”. Anscheinend sind weder Haushalte mit Wärmepumpen, Elektroautos oder Photovoltaikanlagen unter den Testkunden.

Energiestrategie 2050 wird torpediert

Aus Sicht der Energiestrategie 2050 benachteiligen die geplanten Leistungspreise sparsames Verhalten und verhindern den weiteren Ausbau mit Solarenergie, Elektromobilität, Wärmepumpen, Eigenverbrauch und Speicher. Es drängt sich beinahe der Eindruck auf, dass die Energiestrategie gezielt verhindert werden soll. Helion-Solar Gründer Noah Heynen sagt dazu: “Die Einführung von Leistungspreisen wirft die Branche um Jahre zurück. Dabei ist die Schweiz beim Solarausbau schon heute das Schlusslicht in ganz Europa.”

 

Medienmitteilung :  Icon MM_Leistungstarife_VESE_myNewEnergy_20160608.pdf (160,5 KB)

Hintergrund :  Icon Hintergrund_MM_Leistungstarife_VESE_myNewEnergy_20160608.pdf (166,0 KB)

 

Grafik 1 :  Icon Grafik_AenderungKostenEinfuehrungLeistungspreise.png (74,9 KB)

 

Grafik 2 :  Icon Grafik_GeringereEinsparungSolaranlageLeistungspreise.png (47,5 KB)

2 Kommentare

  • ber...@gmx.ch
    • 10 Jun 2016, 08:53
    Guten Tag Interessiert habe ich Ihre Mitteilung gelesen. Was Sie als Grundlagen für Ihre Analyse genommen haben ist leider nicht genau ersichtlich, weshalb auch das Verständnis zur Mitteilung etwas schwierig ist. Sie schreiben relativ klar, dass Sie diese Tarife für einen Verhinderungsversuch der Energiestrategie 2050 halten. Für mich macht es Sinn das jemand der Sein Auto über 12 Stunden lädt einen besseren Tarif erhalten sollte als wenn er sein Auto in 1 Stunde lädt. Auch wenn bei beiden Ladungen gleich viel Energie bezogen wird, muss diese beim zweiten Beispiel über einen viel kürzeren Zeitraum geliefert werden. Macht doch Sinn das derjenige der das Netz weniger beansprucht auch weniger bezahlen sollte? Die neuen Tarife müssen so gestaltet werden das diese dieselben Kosten verursachen wie vorher, nur die Verteilung wäre anders.
  • Christina Marchand
    • 17 Jun 2016, 08:33
    MyNewEnergy und VESE war es wichtig, aufzuzeigen, dass Leistungstarife uns alle betreffen werden. Nicht nur die PV-Anlagenbesitzer und Schnelllader, sondern auch alle "normalen" Stromverbraucher. Die PV-Besitzer sind halt jetzt die ersten, bei denen solche Tarife eingeführt werden, dies hat a) juristische Gründe und b) benötigt es für Leistungstarife SmartMeter, welche bisher vor allem nur bei PV-Besitzern vorhanden sind. Unsere Untersuchungen ergaben dann aber, dass davon alle Schweizer Konsumenten betroffen sein werden, unabhängig davon, ob sie eine PV-Anlage betreiben oder nicht. Das finden wir nicht gerecht. Aber auch die Belastung der PV-Anlagen Besitzer und Elektromobiliätsbesitzer zum jetzigen Zeitpunkt macht unserer Meinung nach keinen Sinn. Im Moment sollte man diese eher fördern und gemeinsam herausfinden, wie wir unser Netz am besten gestalten für die neue Technologie und nicht den First-Movern auch noch höhere Kosten aufbürden. Leistungstarife im Privathaushaltsbereich bewirken vor allem eines: Verschiebung der verbrauchsabhängigen Kosten hin zu Fixkosten. Der gleiche Effekt kann auch mit höheren Grundgebühren bzw. einer "Minimum-Fee" erreicht werden, die Frage ist, ob dies politisch / gesellschaftlich gewollt ist. Denn noch wird der meiste Strom in den DACH-Ländern konventionell, d.h. mit endlichen Ressourcen (Kohle, Gas, Uran etc.) erzeugt, es liegt also nahe, den "Konsum des Stromes" zu steuern bzw. zu begrenzen. Durch eine Verschiebung der variablen Kosten hin zu den fixen Kosten entstehen langfristig "Flatrate-Modelle", d.h. für den Verbraucher bestünde kein oder nur noch ein sehr geringer Anreiz, mit Energie sorgsam umzugehen. Bei der Wasserversorgung, z.B. sind die "Netzkosten", d.h. die Kosten der Wasserinfrastruktur, noch höher als im Strombereich, sie betragen dort über 90 % der gesamten Kosten. Trotzdem wird beim Wasser nicht mit fixen Gebühren abgerechnet, sondern je nach Wasserverbrauch, da wir dieses als kostbare Ressource begreifen. Ich denke, dahin müssen wir auch beim Strom kommen.

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